Der gebürtige Krakauer, der Auschwitz-Birkenau überlebt hat, unterstrich, dass aus seiner Erfahrung nur ein Weg in die Zukunft führe: Empathie. „Ich habe verstanden, dass unser einziger Weg nach vorn nicht über Rache, Wut oder Groll führt – selbst angesichts eines so schrecklichen Verbrechens wie des Holocaust“, sagte Offen. „Der einzige Weg ist Empathie – das Erkennen des inneren Wertes jedes einzelnen Menschen auf der Erde sowie die Hilfe für andere bei der Entdeckung ihrer Würde.“
Gedenken an die Befreiung von Auschwitz
Am 27. Januar 1945 war das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von der sowjetischen Armee befreit worden. Die Soldaten fanden auf dem Gelände rund 7.000 völlig entkräftete Häftlinge vor, darunter etwa 500 Kinder. An den diesjährigen Gedenkfeiern nahmen rund 20 Holocaust-Überlebende sowie Vertreter der polnischen Staatsführung, darunter Präsident Karol Nawrocki, und zahlreiche internationale Delegationen teil.
Offen sagte, er sei gedanklich immer wieder an den Ort seiner Inhaftierung zurückgekehrt, habe sich jedoch bewusst auf Leben und Liebe konzentriert. „Der Holocaust hat mir gezeigt, wie grausam Menschen sein können, aber auch, wie mutig und empathisch“, erklärte er. „Ich habe überlebt, weil mir andere Menschen geholfen haben. Ich nenne sie Engel.“
„Gleichgültigkeit hat tödliche Folgen“
Mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen warnte Offen vor den Folgen von Gleichgültigkeit. „Ich sage das, weil ich ein alter Mann bin, der gesehen hat, wohin Gleichgültigkeit führt“, sagte er. „Und ich sage es auch, weil ich überzeugt bin, dass wir heute erneut vor einer Entscheidung stehen.“
Zugleich rief er dazu auf, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. „Möge die Erinnerung zu einem Licht werden, das uns in der Dunkelheit den Weg weist“, sagte Offen. „Wir, die Zeugen, werden bald gehen, doch ich glaube, dass dieses Licht bei euch bleiben wird.“
Trennung vom Vater in Auschwitz
Der Überlebende schilderte auch persönliche Erinnerungen aus dem Lager. Er sei gemeinsam mit seinem Vater nach Auschwitz deportiert worden, kurz nach der Ankunft jedoch von ihm getrennt worden. „Mein Vater wurde nach links geschickt, in den Tod, und ich nach rechts“, erinnerte sich Offen. „Ich erinnere mich an unseren Blickkontakt und an das Gefühl, dass wir uns zum letzten Mal sehen.“
Nachdem ihm eine Häftlingsnummer tätowiert worden war, kam Offen in ein Durchgangslager. „Als ich fragte, was mit meinem Vater geschehen sei, sagten mir Mitgefangene, er sei zu Rauch geworden“, berichtete er. „Es dauerte einige Zeit, bis ich verstand, was das bedeutete.“ Er habe erlebt, wie Menschen an Hunger und Folter starben, Schüsse und Hunde gehört und den Geruch verbrannter Leichen wahrgenommen.
Rückkehr nach Krakau
Bernard Offen verbrachte den Großteil seines Lebens in den Vereinigten Staaten, kehrte jedoch vor einigen Jahren nach Polen zurück und lebt heute im Krakauer Stadtteil Kazimierz. „In einer Welt, die leider keine ausreichenden Lehren aus dem Holocaust gezogen hat und in der Antisemitismus und andere Formen von Hass zunehmen, ist meine Heimatstadt zu einem der sichersten Orte für Juden geworden“, sagte er.
Jedes Jahr nehme er an der Gedenkinitiative „Ride For The Living“ teil. „Ich steige am Tor von Auschwitz-Birkenau auf ein Fahrrad und fahre gemeinsam mit Hunderten anderen – Juden und Nichtjuden aus der ganzen Welt“, sagte Offen. „Wir fahren aus der Dunkelheit und Verzweiflung von Auschwitz-Birkenau hinaus – hin zu Leben und Hoffnung für die erneuerte jüdische Gemeinschaft in Krakau.“
Fünf Lager, fast die ganze Familie verloren
Der 1929 geborene Bernard Offen überlebte das Krakauer Ghetto sowie insgesamt fünf deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager, darunter Płaszów, Auschwitz, Mauthausen und Dachau. Seine Mutter und seine Schwester wurden im Vernichtungslager Bełżec ermordet.
Offen wurde von der US-amerikanischen Armee während des sogenannten Todesmarsches befreit, eines Evakuierungsversuchs des Konzentrationslagers Dachau. Zwei seiner Brüder überlebten ebenfalls den Holocaust. Nach dem Krieg emigrierten alle drei in die Vereinigten Staaten.
PAP/IAR/jc