Am Samstagmorgen haben die USA und Israel einen gemeinsamen Angriff auf den Iran gestartet. Explosionen wurden in Teheran und anderen iranischen Städten gemeldet. US-Präsident Donald Trump sprach von „großen Kampfoperationen“ mit dem Ziel, das iranische Raketen- und Atomprogramm zu zerstören. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte, es gehe darum, eine „existenzielle Bedrohung“ durch das iranische Regime zu beseitigen. Der Iran reagierte mit Raketenangriffen auf Israel und US-Militärbasen in der Region. Die polnische Politik reagierte mit Besorgnis – und betonte die Auswirkungen auf die globale Sicherheitslage und die Aufmerksamkeit des Westens für die Ukraine.
Warschau reagiert: Präsident, Regierung und Militär in Alarmbereitschaft
Polens Präsident Karol Nawrocki teilte mit, er werde laufend über die Angriffe auf Ziele im Iran informiert. Dank der Kommunikationskanäle mit verbündeten und Koalitionspartnern habe Polen über die Militäraktionen Israels und der USA Kenntnis gehabt. Priorität habe nun die Sicherheit aller Polinnen und Polen im Nahen Osten, darunter Diplomatinnen, Diplomaten und Soldatinnen und Soldaten. Der Präsident betonte, er stehe in ständigem Kontakt mit den NATO-Verbündeten und den staatlichen Institutionen.
Der Präsidentenminister Wojciech Kolarski erklärte, der Konflikt wirke sich zwar nicht direkt auf die Sicherheit Polens aus, doch liege die Deeskalation im Interesse des Landes. „Alles, was im Nahen Osten geschieht, hat Bedeutung für die globale Sicherheit“, sagte er im Dritten Programm des Polnischen Rundfunks. Er warnte, dass die Aufmerksamkeit der Welt für den Nahostkonflikt von der russischen Invasion in der Ukraine ablenke. „Aus unserer Sicht ist das keine gute Situation“, so Kolarski.
Vizepremiér und Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz informierte, dass sein Ressort fortlaufend Informationen von den militärischen diplomatischen Vertretungen – insbesondere aus Israel und den USA – erhalte und auswerte. Polnische Soldaten in den Militärkontingenten im Irak und im Libanon befolgten verschärfte Sicherheitsregeln. Außenminister Radosław Sikorski sprach von einer „höllisch komplizierten Situation“ und bestätigte, dass die Botschaftsmitarbeiter in Teheran in Sicherheit seien.
Stimmen aus dem politischen Spektrum
Senator Grzegorz Schetyna von der Bürgerkoalition (KO), Vorsitzender des Senatsausschusses für Außenpolitik, betonte, der Angriff sei eine Folge des Scheiterns der Genfer Verhandlungen zwischen Washington und Teheran über das iranische Atomprogramm. Es habe den Anschein gehabt, dass ein Abkommen möglich sei und eine solche Eskalation hätte vermieden werden können. Nun stelle sich die Frage, ob ein noch intensiverer Militärangriff folge oder ob die Parteien an den Verhandlungstisch zurückkehrten. Schetyna warnte, verschiedene Szenarien seien möglich – von einem lokalen über einen regionalen bis hin zu einem globalen Konflikt. „Am Montag, Dienstag werden wir wissen, welche weiteren Schritte unternommen werden“, sagte er.
Radosław Fogiel, Abgeordneter der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), unterstrich, dass der Konflikt im Nahen Osten durchaus Auswirkungen auf polnische Belange haben könne – etwa auf den Ölmarkt, aber auch durch die Umleitung der Aufmerksamkeit der USA und des Westens. Die Ereignisse der vergangenen Nacht zeigten, dass die letzte Verhandlungsrunde offenbar nicht erfolgreich war, sagte er. Israel betrachte das iranische Atomprogramm als existenzielle Bedrohung für sein eigenes Land und seine Bürgerinnen und Bürger.
Anna Maria Żukowska von der Linken (Lewica) deutete die Eskalation als Ausdruck erneuerter imperialer Ambitionen der Vereinigten Staaten. Die USA hätten den Anspruch, eine Weltordnung wiederherzustellen, in der sie als eines von mindestens zwei Großmächten darüber entschieden, was in anderen Ländern geschehe.
Witold Tumanowicz von der Konfederacja hielt eine Bodenoperation im Iran für unwahrscheinlich. Möglicherweise reiche der Luftangriff bereits aus, um die potenziellen Ziele Donald Trumps zu verwirklichen. Die Ajatollahs hätten seine Einschätzung nach in der Regionalpolitik bereits „die Zähne und Krallen ausgeschlagen“ bekommen.
Experteneinschätzungen: Zwischen begrenztem Schlag und Flächenbrand
Sicherheitsexperten wiesen auf Polskie Radio 24 darauf hin, dass Israel und die USA sich offenbar für das Szenario eines umfassenden Krieges entschieden hätten – nicht für begrenzte, präzise Schläge, sondern für eine mehrtägige Kampagne. Die Frage bleibe offen, ob die Angriffe wirksamer sein würden als während des zwölftägigen Krieges im Juni 2025, als der Erfolg und die Zerstörung des iranischen Atomprogramms verkündet worden seien. Einen unmittelbaren Einfluss werde man vorläufig nicht spüren, hieß es, doch bei einer Verlängerung des Krieges bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit für steigende Ölpreise – insbesondere bei Störungen des Tankerverkehrs.
Der Amerikanist Prof. Tomasz Płudowski betonte auf Polskie Radio 24, dass die US-Regierung im Iran sowohl militärische als auch politische Ziele verfolge. Die USA reduzierten derzeit mithilfe von Bomben und Raketen sowohl das iranische Raketen- als auch das Atomprogramm auf ein akzeptables Niveau.
Iranische Diaspora in Warschau: Zwischen Angst und Hoffnung
Vor dem Kopernikus-Denkmal in Warschau versammelten sich am Samstag (28.02.) spontan Iranerinnen und Iraner zu einer Demonstration. Die Teilnehmer betonten, dass Krieg eigentlich keinen Grund zur Freude bieten sollte – doch nur dies könne das Regime in Teheran stürzen.
Rana, eine seit sieben Jahren in Polen lebende Iranerin, berichtete dem Polnischen Rundfunk, wie ihre Landsleute gleichzeitig Angst vor der Zukunft empfänden und sich darüber freuten, dass ihnen endlich jemand von außen helfe. Zugleich beschrieb sie die schockierenden Bilder, die sie sehe: Menschen filmten mit ihren Handys aus den Fenstern, wie nur wenige Straßen weiter Rauch aufsteige.
Sandra Radzinska, eine Teilnehmerin der Demonstration, erklärte, es handele sich nicht um einen Bürgerkrieg im klassischen Sinne – „Das sind nicht Iraner gegen Iraner, sondern gegen das Regime.“ Man sei überglücklich, aber nicht naiv: „Wir wissen nicht, wie weit sich das entwickeln wird, aber es ist eine enorme Freude.“
Ein weiterer Demonstrationsteilnehmer sprach von einem „sehr seltsamen Gefühl“: Niemand freue sich über Krieg, doch dieser Angriff sei anders – es sei ein Schlag, von dem die Iraner seit Langem geträumt hätten. Die Demonstrierenden betonten, dass in den Protesten gegen das seit 47 Jahren bestehende Regime Zehntausende Menschen ums Leben gekommen seien.
Polnische Militärkontingente im Irak und im Libanon befinden sich in erhöhter Alarmbereitschaft. Das Außenministerium hatte bereits in den Tagen zuvor seine Bürgerinnen und Bürger aufgefordert, den Iran, Israel und den Libanon unverzüglich zu verlassen.
IAR/Informacyjna Agencja Radiowa/Polskie Radio 3/PR24/ PAP/adn
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