Der russische Informationsraum ist keineswegs spontan. Ja, gelegentlich treten Personen auf, die Probleme im System erkennen und offen Putin, die Behörden, Generäle oder Beamte kritisieren – und dennoch die imperialistische Politik des Kremls unterstützen. Nach der großangelegten Invasion Russlands im Jahr 2022 erhielten Mitarbeiter staatlicher Medien eine sogenannte „Metodyczka“, also Richtlinien, wie über den Krieg zu berichten ist. Das ist wenig überraschend, denn der Kreml kontrolliert und beeinflusst die Medien seit Jahren sehr genau. Entscheidend ist: Wenn der Kreml den Propagandisten die Sprache des Sieges vorschreiben kann, kann er auch die Sprache der Niederlage festlegen. Wenn das Wort „Krieg“ verboten ist, lässt sich ebenso bestimmen, wer und wie kritisiert werden darf, wenn etwas schiefläuft. In einem solchen System ist nicht nur Begeisterung politisch – auch Klage ist es.
In der russischen Erzählung darf man gelegentlich über Mobilmachung, Militärkommissare, Generäle oder Chaos schimpfen. Das unabhängige russische Exilmedium Meduza berichtete etwa über Kreml-Vorgaben nach der Ausrufung der Mobilisierung: Die Schuld sollte dem Westen und lokalen Verantwortlichen zugeschoben werden – nicht aber Putin selbst. Diese „bequeme“ Hierarchie ist in der Propaganda deutlich sichtbar: Ganz unten stehen Militärkommissare, die „die Mobilisierung schlecht organisiert haben“. Dann folgen Beamte, die „nicht aufgepasst haben“. Danach Generäle, die „nicht die Wahrheit gesagt haben“. Noch weiter oben: der Westen, die NATO, die Ukraine – die „Provokateure“. Doch an der Spitze sitzt weiterhin der Zar: einer, bei dem man sich beschweren darf, den man aber nicht wirklich beschuldigen darf.
Sogar für den Rückzug aus Cherson gab es konkrete kommunikative Vorgaben. Darüber berichtete das Portal Centrum Europy (früher die polnischsprachige Seite von Biełsat). Laut Kreml-Linie sollte Cherson nicht als Niederlage erscheinen, sondern als „schwierige strategische Entscheidung“. Auch bei der ukrainischen Operation in der Region Kursk informierte Meduza darüber, dass die Kreml-Administration den Medien vorgab, wie über das Handeln der Behörden – insbesondere Putins – zu berichten sei: als jemand, der niemanden im Stich lässt. Kursk sollte nicht wie eine Blamage der russischen Verteidigung wirken, sondern wie ein weiterer Moment fürsorglicher Führung. So funktioniert die Propaganda eines reifen Autoritarismus: Sie leugnet Niederlagen nicht immer – sie lehrt, wie man sie empfindet.
Nach der Invasion in die Ukraine tauchten im russischen Informationsraum zunehmend sogenannte Militärblogger auf. Sie hatten etwas mehr Spielraum für Kritik an der Kremlpolitik. Die Behörden versuchten nicht, sie zu unterdrücken, sondern in das System einzubinden. Im Dezember 2022 richtete Putin eine Arbeitsgruppe zur Mobilisierung ein, an der auch diese Blogger und Kriegsberichterstatter beteiligt waren. Im Juni 2023 traf er sich mit einer Gruppe bekannter Militärblogger – überwiegend Personen aus staatsnahen Medien. Kritischere Stimmen wurden nicht eingeladen. Für den Kreml sind diese Blogger nützlich: Sie sprechen eine rauere Sprache als das Fernsehen, wirken wie „die Stimme der Front“, „die Stimme der Soldaten“, „die Stimme der Wahrheit“. Deshalb sind sie wertvoll. Die Propaganda braucht heute nicht nur Jubel – sie braucht auch kontrollierte Wut. Menschen, die sagen: „Wir kämpfen schlecht“, aber nie: „Wir hätten diesen Krieg nie beginnen dürfen.“
Der Kreml bringt nicht jeden Schrei zum Schweigen. Manchmal gibt er ihm ein Mikrofon, eine Einladung, eine Auszeichnung – und einen Platz am Tisch. Das ist lizenzierte Wut: scharf genug, um authentisch zu wirken, aber loyal genug, um das System nicht zu gefährden. Ein Blogger darf „kompromisslos“ sein, solange seine Konsequenz zu einem einzigen Schluss führt: Man müsse besser, härter, brutaler kämpfen – nicht aufhören zu kämpfen. Doch es gibt Grenzen. Einer der bekanntesten Nationalisten, Igor „Strelkow“ Girkin, wurde selbst zum Problem. Er kritisierte die Kriegsführung und Putin. Im Juli 2023 wurde er festgenommen und wegen Extremismus angeklagt. Reuters schrieb damals, dies könne eine Warnung an andere Kritiker gewesen sein. Der Fall zeigt die tatsächliche Grenze des russischen „Pluralismus“: Man muss kein Gegner des Krieges sein, um ins Visier zu geraten. Es reicht, zu konsequent Kritik im eigenen Lager zu üben. Girkin zeigte, dass selbst prokriegerischer Nationalismus in Russland seine Grenzen kennt: Generäle kritisieren – bitte. Effektiver Krieg fordern – gern. Aber wer den Zaren angreift, verliert seine Lizenz.
Deshalb muss das Lamento der russischen Propaganda kein Zeichen eines Systembruchs sein. Es kann dessen Simulation sein – ein Sicherheitsventil, durch das Wut entweicht, bevor sie das System sprengt. Man kann sich empören, auf Telegram schreiben, dass „die Führung versagt hat“, und dennoch zur zentralen Überzeugung zurückkehren: Russland hat recht, die Ukraine ist der Feind, der Westen ist schuld, und Putin bleibt – selbst wenn er Fehler macht – die Achse der Welt.
Der Kreml fürchtet nicht jedes Klagen – nur jenes, das er nicht kontrollieren kann. Deshalb dürfen russische Propagandisten über Generäle, lokale Behörden, Logistik, Mobilisierung, den Westen, die NATO und „Kommunikationsfehler“ schimpfen. Man darf sogar seufzen: „Ach, dieser Putin …“. Aber das Entscheidende darf nicht gesagt werden: Putin wusste es. Putin befahl es. Russland hat angegriffen. Russland muss Verantwortung tragen.
Autor: Borys Sudin