„Er hat sich gewissermaßen außerhalb dieses Systems positioniert und damit ein wenig den Anti-Establishment-Politiker gespielt. Und es scheint, dass es ihm gelungen ist, die Bulgaren davon zu überzeugen“, sagt Prof. Renata Mieńkowska-Norkiene von der Fakultät für Politikwissenschaft und Internationale Studien der Universität Warschau. Nach Einschätzung der Expertin beruht Radews gesellschaftliches Mandat nicht auf prorussischen Sympathien, sondern auf der Ermüdung angesichts der Dysfunktionen des Staates. „Die bulgarische Gesellschaft […] will vor allem einen Ausweg aus der allgegenwärtigen Korruption, die die Bulgaren wahrnehmen. Ich spreche hier insbesondere von der jüngeren Generation, der Generation Z, nicht mehr nur Y – also von Menschen, die nicht im ärmsten Land der Europäischen Union leben wollen“, betont die Wissenschaftlerin.
Bulgarien ist ein Land mit einem sehr hohen Maß an Korruption und starkem oligarchischem Einfluss. Von der Macht abhängige Unternehmergruppen stellen sich in den Dienst jeweils neuer Regierungen. Der Bruch mit diesem System ist die zentrale gesellschaftliche Erwartung.
Russlandfreundlicher Pragmatiker?
Radew gilt allgemein als moskaufreundlicher Politiker. Prof. Mieńkowska-Norkiene sieht hier jedoch Spielraum für einen durch wirtschaftliche Zwänge bestimmten Pragmatismus. „Paradoxerweise besteht die Chance, dass dieser als prorussisch geltende Staatschef – im Bewusstsein, wie sehr Bulgarien auf europäische Mittel angewiesen ist – konstruktive Gespräche mit der Europäischen Union führen wird“, sagt die Professorin.
Bulgarien gehört zur Eurozone, seine Bindungen an die „europäische Integration“ sind daher stärker als etwa die Polens. Für Radew wäre eine demonstrative Prorußlandhaltung ein Eigentor, da sie das Land von EU-Mitteln abschneiden würde. „Er wird darauf achten, dass seine prorussische Haltung nicht demonstrativ ist“, fügt Prof. Renata Mieńkowska-Norkiene hinzu. Als Beispiel nennt sie Robert Fico, der heute verzweifelt einen Weg nach Moskau zur Parade am 9. Mai suche.
Nach Viktor Orbán ist die Frage aufgekommen, ob Radew nicht einen prorussischen Populismus in bulgarischer Variante wiederbeleben und die Einheit Mittel- und Osteuropas sprengen könnte. Prof. Mieńkowska-Norkiene dämpft diese Befürchtungen.
Ihrer Ansicht nach sei nur eine auf guten Beziehungen zum Westen beruhende regionale Zusammenarbeit sinnvoll. „Welchen Sinn hätte eine solche Zusammenarbeit, wenn sie eine Art Konkurrenz zu den westlichen Ländern sein soll? Es gibt keine Chance, dass wir tatsächlich eine ernsthafte Konkurrenz darstellen – wenn man bedenkt, wie viele Länder in unserer Region noch von Russland abhängig sind, etwa bei fossilen Energieträgern“, erklärt die Akademikerin.
Ungarn kehre nach dem Regierungswechsel ihrer Ansicht nach „an Bord“ der Zusammenarbeit mit der EU zurück. Leitbild sollte eine effektive Kooperation mit Westeuropa sein sowie die Verlagerung regionaler Probleme auf die europäische Ebene. „Das liegt in unserem absolut bestverstandenen Interesse“, resümiert Prof. Renata Mieńkowska-Norkiene.
PR/ps