In Olsztyn hat eine neue Ausgabe eines Kurses zur ermländischen Mundart begonnen. Unter dem Titel „Tu dali je Warnijo“ – „Hier ist immer noch Ermland“ – lernen 31 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Städtischen Kulturzentrum mehrere Wochen lang Sprache und Traditionen der Region.
Der Kurs wird seit 2018 angeboten und ist kostenlos. Das Interesse ist nach Angaben der Organisatoren deutlich gestiegen. „Die Popularität des Kurses nimmt zu, in diesem Jahr haben sich dreimal mehr Interessierte gemeldet, als wir Plätze hatten“, sagte Marta Guściora vom Städtischen Kulturzentrum in Olsztyn.
Der Unterricht findet zweimal pro Woche statt. Zum Abschluss schreiben die Teilnehmenden einen eigenen Text in der Mundart und lesen ihn in der Gruppe vor. Grundlage ist unter anderem eine Fibel der ermländischen Mundart. Hauptdozent ist der Regionalforscher und Ermländer Łukasz Ruch; unterstützt wird er von der Sprachwissenschaftlerin Prof. Dorota Rembiszewska und der Regionalistin Izabela Treutle.
„Früher sprachen die Menschen im Ermland Mundart, und es wäre gut, wenn auch die heutigen Bewohner sie kennenlernen würden“, sagte Ruch. Viele Kursteilnehmer stammen nicht aus alteingesessenen ermländischen Familien. Ihre Vorfahren wurden nach 1945 umgesiedelt oder kamen aus anderen Teilen Polens in die Region. Nach Einschätzung der Organisatoren wächst dennoch – oder gerade deshalb – das Interesse an lokaler Geschichte, Kultur und regionaler Identität.
Polnische Mundart mit deutschen Lehnwörtern
Die ermländische Mundart war vor allem im südlichen Ermland verbreitet, etwa in der Umgebung von Olsztyn, Gietrzwałd, Purda und Jonkowo sowie um Reszel. Sie ist eine polnische Mundart mit zahlreichen deutschen Lehnwörtern. Diese Sprachspuren verweisen auf die Geschichte der Region, in der Deutsch seit dem Mittelalter über lange Zeit Amts- und Verwaltungssprache war.
Nach 1945 verschwand die Mundart zunehmend aus dem öffentlichen Leben. Ermland, zuvor Teil Deutschlands, kam zu Polen. Viele Ermländer wurden von Siedlern aus anderen Landesteilen wegen ihrer Sprache verspottet oder ausgegrenzt. Aus Scham sprachen sie die Mundart nur noch zu Hause – oder gar nicht mehr. Bewahrt wurde sie von wenigen Menschen, darunter dem inzwischen verstorbenen Edward Cyfus, der eine Mundartfibel verfasste.
Die ermländische Mundart sowie die Herstellung der traditionellen ermländischen Haube wurden in Polen in ein Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Historische Landschaft mit mittelalterlichen Wurzeln
Ermland ist eine historische Landschaft, deren Entstehung auf das Jahr 1243 zurückgeht. Damals ordnete Papst Innozenz IV. die kirchliche Struktur in den vom Deutschen Orden eroberten Gebieten der Prußen. Der Orden musste den Bischöfen jeweils einen Teil des Landes überlassen. Das Gebiet des ermländischen Bischofs wurde später Ermland genannt. Es erstreckt sich als schmaler Landstreifen von Braniewo und Frombork im Norden bis Olsztyn und Gietrzwałd im Süden. Bei der ersten Teilung Polens 1772 fiel Ermland an Preußen, 1945 kam es zu Polen.
Der Kurs „Tu dali je Warnijo – ermländische Mundart in lebendiger Praxis und generationsübergreifender Bildung“ wird aus Mitteln des polnischen Kulturministeriums mitfinanziert.
PAP/adn