Die Journalisten Schlomi Eldar und Rut Juwal, die den Bericht als Teil eines geplanten Buches in der Zeitung veröffentlichten, erklärten, „Netanjahu habe mit diesen Warnungen nichts unternommen“. Etwa zehn Tage vor dem Angriff habe der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate 45 Minuten lang mit Netanjahu darüber gesprochen. Bin Zayed warnte den israelischen Regierungschef, dass der damalige Hamas-Anführer im Gazastreifen, Yahya Sinwar, eine „große Operation“ gegen Israel plane. Das Land müsse darauf vorbereitet sein, schrieben die Journalisten unter Berufung auf ausländische Quellen.
Bin Zayed soll Netanjahu gesagt haben, der geplante Hamas-Angriff würde nicht nur zu Blutvergießen, sondern auch zur Destabilisierung der gesamten Region und zu einer Gefährdung der sogenannten Abraham-Abkommen führen werde. Netanjahus Reaktion sei sehr ruhig gewesen, was Bin Zayed überrascht habe. Der Ministerpräsident habe versichert, seinen Informationen zufolge plane die Hamas einen Angriff im Gebiet des Westjordanlands. Israel sei auf jede Eventualität vorbereitet, berichteten die Autoren von „Haaretz“.
„Der Emir hoffte, dass Netanjahu trotz der kühlen Antwort diese Nachricht ernst nehmen und entsprechende Maßnahmen ergreifen würde“, sagte der palästinensische Berater Zayedas gegenüber den Journalisten. Keiner von ihnen konnte sich vorstellen, dass Netanjahu die Informationen nicht an die Sicherheitsdienste Schin Bet und Mossad sowie an die Streitkräfte weiterleiten würde, die von den Warnungen des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate nichts erfuhren, fügten die Autoren des Artikels hinzu.
Reaktion des Büros von Netanjahu
Bei diesen Berichten handele es sich um eine „absolute Lüge“, teilte das Büro von Netanjahu auf Anfrage der Zeitung „Haaretz“ mit. Der israelische Ministerpräsident habe in diesem Zeitraum nicht mit dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate gesprochen und sei von ihm „nicht gewarnt worden“. Das Büro von Präsident Mohammed bin Zayed Al Nahyan hat auf eine Anfrage der Zeitung dazu nicht geantwortet.
Nach Angaben von „Haaretz“ hätten die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate von der Hamas selbst von der Gefahr erfahren. Die Hamas sei wegen der ausbleibenden Fortschritte bei den Verhandlungen mit Israel über die Freilassung palästinensischer Gefangener frustriert gewesen.
Wenige Tage vor dem Angriff habe Netanjahu telefonisch eine ähnliche Warnung vom Chef des ägyptischen Geheimdienstes, General Abbas Kamel, erhalten. Ihm nach habe die Hamas damals „etwas Außergewöhnliches, eine schreckliche Operation“ vorbereitet, berichtete das Nachrichtenportal Ynet unmittelbar nach dem 7. Oktober. Auch diese Berichte hat Netanjahu zurückgewiesen.
Hamas-Angriff auf Israel
Am 7. Oktober 2023 hatte die Hamas aus dem Gazastreifen einen koordinierten Angriff auf den Süden Israels gestartet. Dabei griff sie grenznahe Kibbuzim und Städte an. Es war der größte Terroranschlag in der Geschichte des Landes und hatte ein beispielloses Ausmaß. Rund 1200 Menschen wurden getötet, 251 weitere verschleppt. Der Angriff hat den längsten Krieg in der Geschichte Israels ausgelöst. 472 israelische Soldaten wurden getötet. Im Krieg im Gazastreifen kamen insgesamt 73.600 Palästinenser ums Leben, die Küstenenklave wurde nahezu vollständig zerstört. Seit dem Anschlag vom 7. Oktober befindet sich Israel fast ununterbrochen im Krieg und kämpft unter anderem auch gegen die libanesische Hisbollah und den Iran.
Seit dem Angriff werfen die Opposition und große Teile der israelischen Gesellschaft Netanjahu unter anderem Versäumnisse vor dem Anschlag, eine unzureichende Reaktion auf den Angriff und eine falsche Strategie während des Krieges vor. Der Ministerpräsident weigert sich weiterhin, eine unabhängige Untersuchungskommission einzusetzen, die dies eindringlich untersuchen soll. Eine solche Kommission wird von der Opposition gefordert. Wie Medien damals berichteten, hätten US-Analysten zudem verdächtige Geschäfte an der Börse in Tel Aviv entdeckt, die darauf hindeuten könnten, dass bestimmte Personen im Vorfeld von dem bevorstehenden Hamas-Angriff gewusst haben.
PAP/Haaretz/ps