Der Publizist und spätere Gründer der Pariser Zeitschrift „Kultura“, Jerzy Giedroyc, erinnerte sich an den 16. September, als noch Meldungen über polnische Erfolge zu hören gewesen seien. Am folgenden Tag habe er den Auftrag erhalten, gemeinsam mit dem damaligen Minister Antoni Roman das Land in Richtung Rumänien zu verlassen. „Das war eine unglaubliche Überraschung“, sagte Giedroyc rückblickend.
Die Schriftstellerin Zofia Nałkowska hielt die Atmosphäre in ihrem Tagebuch fest. Nachdem der Rundfunk verstummt war, hätten die Menschen verzweifelt zusammengesessen. Nun habe man es mit Deutschen und Bolschewiki zu tun und damit mit einer gemeinsamen Grenze zu beiden.
Auch die Schauspielerin Hanna Skarżanka beschrieb den sowjetischen Angriff als einen „echten Messerstich in den Rücken, einen ungeheuren Schock“. Es sei gewesen „wie eine Zange, die sich von beiden Seiten schließt“.
In Wilna und anderen Städten wurden die sowjetischen Truppen zunächst mit Unglauben beobachtet. Regina Olszewska erinnerte sich an sowjetische Panzer und an die Reaktion ihrer Mutter. Sie habe geweint, während die Menschen nicht gewusst hätten, was nun geschehen würde.
Andrzej Tomaszewski schilderte später die Begegnung mit sowjetischen Soldaten während einer Fluchtbewegung. Als seine Mutter die Uniformen sah, habe sie gesagt: „Mein Gott, das sind die Bolschewiki.“
Der Schriftsteller Stanisław Lem beschrieb die Invasion als etwas völlig Fremdes: „Die schreckliche Fremdartigkeit dieses Einmarsches“ sei gewesen „wie ein Schlag mit dem Hammer auf den Kopf“.
Kolumny piechoty sowieckiej wkraczające do Polski, 17.09.1939
Der Zeitzeuge Bogdan Rudnicki sprach von einer „Invasion der Wildnis“. Die sowjetischen Soldaten habe er als schlecht ausgerüstet und ärmlich wahrgenommen. Auch Mieczysław Joszt de Dulmen berichtete von zahlreichen Pannen bei sowjetischen Panzern.
Gleichzeitig wurde der sowjetische Einmarsch propagandistisch als Befreiung dargestellt. Henryk Mazar erinnerte sich an die sowjetische Propaganda, die davon sprach, man komme, „um uns die Freiheit zu bringen“.
Der erste Eindruck der sowjetischen Soldaten habe bei manchen Beobachtern sogar Spott ausgelöst. Rudnicki erinnerte sich an „Grobheit und Primitivität“. Doch diese Reaktion habe nicht lange angehalten. Schnell folgten Verhaftungen, Repressionen und Gewalt.
Jadwiga Jabłońska berichtete von einer dramatischen Hausdurchsuchung. Ihre Mutter sei dabei beinahe erschossen worden. Gerettet worden sei sie schließlich durch einen belarussischen Soldaten.
Auch polnische Offiziere gerieten in sowjetische Gefangenschaft. Mieczysław Joszt de Dulmen schilderte, wie sie zunächst nach Tarnopol und später nach Starobelsk gebracht wurden. „Diese Offiziere bildeten die erste Gruppe der späteren Opfer von Katyń und anderen Hinrichtungsstätten.“
Einheiten der Roten Armee marschieren in Polen ein. Unbekannter Ort, September 1939.
Der Journalist Jerzy Janicki bezeichnete den sowjetischen Angriff als „das Hineinstechen eines Messers durch die Bolschewiki in den Rücken der polnischen Armee“.
Der sowjetische Einmarsch vom 17. September 1939 war die Umsetzung der im geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes vereinbarten Aufteilung polnischen Territoriums. Während Deutschland Polen bereits am 1. September angegriffen hatte, stieß die Rote Armee am 17. September von Osten vor.
Die Erinnerungen der Zeitzeugen stammen aus Archivaufnahmen des Polnischen Rundfunks und wurden im Rahmen der Reihe „Stimmen der Vergangenheit“ veröffentlicht.
IAR/jc