Am 23. September 1976 veröffentlichten 14 polnische Intellektuelle einen „Appell an die Gesellschaft und die Behörden der Volksrepublik Polen“. Das Dokument markierte den Beginn des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter, kurz KOR. Die Organisation reagierte auf die staatliche Repression gegen Arbeiter, die wenige Monate zuvor in Radom, Ursus und Płock gegen geplante Preiserhöhungen protestiert hatten.
Die kommunistischen Behörden hatten die Demonstrationen gewaltsam aufgelöst. Viele Teilnehmer verloren ihre Arbeit, andere wurden in beschleunigten Verfahren zu Haft- oder Geldstrafen verurteilt. Die Regierung nahm die Preiserhöhungen zwar zurück, doch der Mythos einer sozial ausgerichteten und vergleichsweise liberalen Führung unter Edward Gierek war erschüttert.
In dieser Situation forderten die Unterzeichner des Appells die Wiedereinstellung der Entlassenen, eine Amnestie für Verurteilte und Inhaftierte, die Offenlegung des Ausmaßes der Repressionen sowie die Bestrafung der Verantwortlichen. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten unter anderem Jacek Kuroń, Jan Józef Lipski, Antoni Macierewicz, Piotr Naimski, der Schriftsteller Jerzy Andrzejewski, der Dichter Stanisław Barańczak und der Priester Jan Zieja.
Neu war nicht allein die Hilfe für Verfolgte. Das KOR war die erste oppositionelle Organisation im kommunistischen Polen, deren Mitglieder ihre Namen und Adressen offen nannten. Sie entschieden sich bewusst gegen die Konspiration und machten damit staatliche Übergriffe öffentlich sichtbar.
Die internationale Lage bot dafür einen gewissen Schutz. Im August 1975 hatten die Teilnehmerstaaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Helsinki die Achtung der Menschenrechte und grundlegender Freiheiten zugesagt. Auch die Volksrepublik Polen hatte die Schlussakte unterzeichnet. Die Führung in Warschau wollte im Westen zugleich als vergleichsweise liberal gelten und konnte deshalb nicht ohne politische Kosten gegen die neue Gruppe vorgehen.
Das KOR brachte Menschen aus unterschiedlichen Generationen und politischen Traditionen zusammen. Unter den Gründern waren Sozialisten, frühere Soldaten des polnischen Untergrundstaats, Warschauer Aufständische, Juristen, Schriftsteller, Wissenschaftler und jüngere Oppositionelle. Der Historiker Andrzej Friszke beschrieb ihren gemeinsamen Nenner als Mut, die Bereitschaft zum Konflikt mit der Staatsmacht und das Eintreten für Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte.
Aus der unmittelbaren Hilfe für Arbeiter entwickelte sich ein breites Netz unabhängiger Initiativen. Im Umfeld des KOR entstanden Untergrundzeitschriften wie „Biuletyn Informacyjny“, „Robotnik“ und „Krytyka“, der unabhängige Verlag NOWA, die Fliegende Universität, studentische Solidaritätskomitees und eine unabhängige Bauernbewegung. Gegen Ende seiner Tätigkeit arbeiteten rund 3.000 Menschen mit dem Komitee zusammen.
Die Behörden reagierten mit Überwachung und Schikanen. Im Rahmen der Geheimdienstoperation „Gra“ wurden KOR-Mitglieder festgenommen, durchsucht, geschlagen und eingeschüchtert. Staatliche Medien bezeichneten sie als Provokateure und Feinde der Volksrepublik und behaupteten, die Intellektuellen würden die Arbeiter lediglich für ihre politischen Ziele benutzen.
Gerade die Zusammenarbeit zwischen Intellektuellen und Arbeitern wurde jedoch zu einem Modell für die spätere demokratische Opposition. Als 1980 die unabhängige Gewerkschaft Solidarność entstand, engagierten sich frühere KOR-Mitarbeiter als Organisatoren und Berater. Auf dem ersten Solidarność-Kongress im Jahr 1981 erklärte der Ökonom Edward Lipiński, das älteste Mitglied des Komitees, die Arbeit des KOR für beendet.
Nach der Verhängung des Kriegsrechts galten frühere KOR-Aktivisten der kommunistischen Führung weiterhin als besonders gefährlich. Jan Józef Lipski fasste die Arbeit des Komitees später als schrittweisen Kampf gegen Rechtsbruch, Zensur und die Missachtung von Arbeitnehmerrechten zusammen. Das Ziel sei eine „Arbeit an den Grundlagen der künftigen Unabhängigkeit und Demokratie“ gewesen.
Fünfzig Jahre nach dem Appell vom 23. September 1976 gilt das KOR als entscheidendes Bindeglied zwischen den Arbeiterprotesten der 1970er Jahre und der Solidarność-Bewegung. Seine Mitglieder schufen nicht nur Strukturen praktischer Hilfe. Sie zeigten, dass offene, solidarische und auf konkrete Bürgerrechte gerichtete Opposition auch unter einer autoritären Führung möglich war.
PAP/jc