Deutsche Redaktion

Ungarn als Testgelände für KI-Desinformation

07.04.2026 10:48
Vor den richtungsweisenden Parlamentswahlen in Ungarn am 12. April blicken polnische Kommentatoren besorgt auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Wahlkampagnen, auf Orbáns zunehmend verzweifelte Methoden der Wählermobilisierung und auf die historische Dimension des ungarischen Freiheitskampfes. Was bedeutet der Deepfake-Wahlkampf in Budapest für künftige Wahlen in Europa? Kann Péter Magyar den Machtwechsel herbeiführen? Und was lehrt uns das Erbe Imre Nagys über den Preis der Freiheit? Außerdem: Warum Iga Świątek auf einen ehemaligen Nadal-Trainer setzt. Mehr dazu in der Presseschau.
Ein vom Kommunikationsamt des ungarischen Ministerprsidenten zur Verfgung gestelltes Foto zeigt den ungarischen Ministerprsidenten Viktor Orbn (links), wie er Soldaten begrt, whrend er den militrischen Schutz der TurkStream-Erdgas-Pipeline an einer Gasversorgungsstation in Kiskundorozsma, Ungarn, am 6. April 2026 inspiziert. Ungarn hat den
Ein vom Kommunikationsamt des ungarischen Ministerpräsidenten zur Verfügung gestelltes Foto zeigt den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán (links), wie er Soldaten begrüßt, während er den militärischen Schutz der TurkStream-Erdgas-Pipeline an einer Gasversorgungsstation in Kiskundorozsma, Ungarn, am 6. April 2026 inspiziert. Ungarn hat den EPA/ZOLTAN FISCHER/ KOMMUNIKATIONSBÜRO DES UNGARISCHEN PREMIERMINISTERS/HANDOUT NUR FÜR REDAKTIONELLE ZWECKE/KEIN VERKAUF Quelle: PAP/EPA.

DZIENNIK/GAZETA PRAWNA: Ungarn als Testgelände für KI-Desinformation

Die diesjährigen Parlamentswahlen in Ungarn seien weltweit die ersten, bei denen Desinformation auf Basis von Deepfake-Technologie ein derart gewaltiges Ausmaß erreicht habe, schreibt Karolina Wójcicka im Wirtschaftsblatt Dziennik/Gazeta Prawna. Die Autorin beschreibt mehrere manipulierte Videos, die im ungarischen Wahlkampf kursieren. In einem davon fahre Oppositionsführer Péter Magyar mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Auto und sage ihr - vor einer Weggabelung auf der es links nach Brüssel und rechts nach Ungarn geht - scherzend, er wähle „immer die linke Seite“. In einem anderen sitze der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf einer goldenen Toilette, ziehe Kokain und zähle Geld. Weitere gefälschte Videos, versehen mit den Logos renommierter Redaktionen wie Reuters oder der Deutschen Welle, berichteten von einem angeblichen ukrainischen Attentat auf Ministerpräsident Viktor Orbán.

All diese Materialien, so Wójcicka, seien frei erfunden und dienten einer einzigen Erzählung: Magyar sei ein Befehlsempfänger der Kriegstreiber in Kiew und Brüssel, während Orbán als einziger Garant für Sicherheit und Wohlstand dargestellt werde. Für die Verbreitung sei eine heterogene Gruppe verantwortlich – Politiker, mit dem Fidesz verbundene Social-Media-Konten und Orbán-treue Prominente. Wie die Financial Times berichte, spiele dabei auch Russland eine zentrale Rolle: Die Social Design Agency, eine russische IT-Firma, erstelle die KI-generierten Videos und verbreite sie über ein bestehendes Netzwerk von Trollen und Bots. Der Plan sei offenbar im Kreml genehmigt worden.

Die Autorin wirft die Frage auf, ob Polen für solche Bedrohungen gerüstet sei – sowohl mit Blick auf die eigenen Parlamentswahlen im kommenden Jahr als auch auf europäischer Ebene. Die EU-Kommission habe zwar Leitlinien für große Plattformen veröffentlicht und plane im Rahmen der Initiative Democracy Shield weitere Empfehlungen zum Umgang mit KI bei Wahlen. Diese Maßnahmen seien jedoch unverbindlich und hätten keine Rechtskraft. Bei diesem Ausmaß der Bedrohung sei das eindeutig zu wenig, so Karolina Wójcicka in Dziennik/Gazeta Prawna.

GAZETA WYBORCZA: Orbán greift auf der Zielgeraden zu schmutzigen Methoden

Auch die linksliberale Gazeta Wyborcza berichtet über die zunehmend verzweifelten Versuche der regierenden Fidesz-Partei, die immer schlechteren Umfragewerte vor den Sonntagswahlen zu drehen. Wie Robert Stefanicki erinnert, sehen die meisten Erhebungen die Oppositionspartei TISZA und ihren Anführer Péter Magyar mit einem erheblichen Vorsprung von 15 bis 25 Prozentpunkten vor Fidesz. Die TISZA führe auch in der Mehrheit der zwanzig umkämpften Wahlkreise. Zudem rechneten immer mehr Ungarn mit einer Niederlage des Mannes, der sie seit sechzehn Jahren regiere.

Der bisherige Trumpf Orbáns – die Angst vor dem Krieg – verfange immer weniger, so der Autor. Zwar behaupte der Fidesz, unter einer Oppositionsregierung müssten ungarische Truppen in die Ukraine entsandt werden, doch immer weniger Bürger sähen dies als reale Gefahr. Nur noch jeder Dritte stimme der Fidesz-Erzählung zu, Russland habe beim Angriff auf die Ukraine rechtmäßig gehandelt. Stattdessen beschworen Orbáns Politiker und Medien nun eine schleichende Energiekrise herauf.

Laut einem investigativen Film seien Bürgermeister auf dem Land darüber informiert worden, wie viele Stimmen jedes Dorf für den Fidesz einsammeln müsse. Zu den Anreizen gehörten Barzahlungen im Wert von rund 500 Zloty, Lebensmittelgutscheine, verschreibungspflichtige Medikamente und sogar Drogen. Wer sich weigere, dem werde die Teilnahme an öffentlichen Beschäftigungsprogrammen verweigert – oft die einzige verfügbare Arbeit in der Region. Am Wahltag werde ein Transport zu den Wahllokalen organisiert. Wähler sollten Analphabetismus oder Krankheit vortäuschen, um eine Begleitperson hinter den Vorhang mitzunehmen, die sicherstelle, dass für den Fidesz gestimmt werde. Die Regierung habe sich zu diesen Vorwürfen nicht geäußert, so Stefanicki in der Gazeta Wyborcza.

RZECZPOSPOLITA: „Ungarn hat die Revolution von 1956 verraten“

Die konservativ-liberale Rzeczpospolita widmet sich in einem ausführlichen Beitrag von Jędrzej Bielecki dem historischen Erbe des ungarischen Freiheitskampfes und seiner Bedeutung für die bevorstehenden Wahlen. Im Mittelpunkt steht die Enkelin des 1958 hingerichteten ungarischen Ministerpräsidenten Imre Nagy – Katalin Janosi. Nagy, der 1956 den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt verkündet hatte, sei einst ein unumstrittener Held der Ungarn gewesen. Sein feierliches Neubegräbnis 1989, an dem über 200.000 Menschen teilnahmen, habe einen Wendepunkt auf dem Weg zum Sturz des kommunistischen Regimes markiert, so der Autor.

Doch für viele Ungarn sei Nagy heute kein Held mehr, erkläre der Historiker Attila Szakolczai. Janosi mache dafür die aggressive Medienmaschinerie des Fidesz verantwortlich: Unter dem Einfluss der staatlich kontrollierten Medien, die ihre Botschaften 50 bis 100 Mal täglich auf allen Plattformen wiederholten, hätten viele geglaubt, Russland sei ein guter Freund, der Ungarns Führer unterstütze, damit die Familien Zugang zu billigem Gas behielten. Das von Orbán aufgebaute System reiche bis in die kleinsten Dörfer, und Fidesz-Funktionäre hielten die Menschen an der kurzen Leine. Insbesondere die ärmste Bevölkerungsschicht werde in wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten, lesen wir.

Auf die Frage, ob Außenminister Péter Szijjártó, dessen Gespräche mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow über die Weitergabe von EU-Geheimnissen an Moskau kürzlich publik geworden seien, sie an den kommunistischen Führer János Kádár erinnere, antwortet Janosi: Die Situation sei heute eine andere. Der Außenminister handle aus freiem Willen und ohne äußeren Druck – was ihn umso mehr belaste. Zur Rolle Péter Magyars äußere sich die Enkelin Nagys mit Vorsicht: Es handele sich um völlig andere Epochen und Umstände. Magyar sei eine Hoffnung, die dem verbitterten Volk eine Botschaft des Wandels bringe. Aber ein Vergleich mit dem zweimaligen Premierminister Nagy, der seine Mission mit konkreten Taten erfüllt habe, verbiete sich.

Die Behauptung, die bevorstehenden Wahlen entschieden endgültig über Ungarns Zugehörigkeit zur westlichen oder russischen Einflusssphäre, weist Janosi zurück: Jede Minute bringe neue Möglichkeiten, nichts sei in der heutigen Welt gewiss, außer dass der Wandel beständig sei. Und sie schließt mit den berühmten Worten aus Imre Madáchs Drama, die alle Ungarn kennen: „Kämpfe, Mensch, und vertraue mit Zuversicht!“, so Jędrzej Bielecki in der Rzeczpospolita.

Super Express: Neuer Trainer, neue Hoffnung – Warum Świątek auf Nadals ehemaligen Coach setzt

Im Sport sorgt die jüngste Trainerwahl der polnischen Tennisspielerin Iga Świątek für Gesprächsstoff. Wie mehrere polnische Medien berichten, hat die ehemalige Weltranglistenerste den Spanier Francisco Roig verpflichtet, der in den Jahren 2005 bis 2022 Rafael Nadal betreute – Świąteks erklärtes Idol. Roig ersetzt Wim Fissette, mit dem die Polin unter anderem den Wimbledon-Titel gewonnen hatte.

Der ehemalige Weltranglistenvierte Greg Rusedski erklärt die Logik hinter dieser Entscheidung: Świątek habe ihrem Agenten klare Vorgaben gemacht – wer nicht mit einer Nummer eins der Weltrangliste gearbeitet oder einen Grand-Slam-Titel errungen habe, komme gar nicht erst in Frage. Roig passe mit seiner langjährigen Erfahrung an der Seite Nadals perfekt in dieses Profil, so Rusedski.

Zugleich betont der frühere Tennisprofi, Świątek müsse lernen, sich abseits des Platzes zu entspannen und die Intensität dann auf den Court zu übertragen. Die bevorstehende Sandplatzsaison sei von entscheidender Bedeutung, denn Świątek habe die neue Nadal im Damentennis werden sollen – Jahr für Jahr auf Sand dominierend und die French Open gewinnend. Das sei bislang nicht eingetreten, und es werde spannend zu sehen sein, wie sich die Zusammenarbeit mit Roig entwickle.

Autor: Adam de Nisau


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