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Kyrills heiliger Krieg – Putins Orcas – Europas schwindende Anziehungskraft

02.09.2026 12:52
Was lässt sich aus Kyrills Aussagen über die Chancen auf ein Kriegsende herauslesen? Außerdem: Putins Erzählung von Orcas und Eisbären zum Schuljahresbeginn und die nachlassende Anziehungskraft der Europäischen Union. Mehr dazu in der Presseschau.
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Глава Русской православной церкви патриарх Кирилл.Фото: x.com/nexta_tv

GAZETA WYBORCZA: Kyrills heiliger Krieg

Während in Polen über die Abschreckung Russlands diskutiert wird, untersucht Tomasz P. Terlikowski in der Gazeta Wyborcza die religiöse Rechtfertigung des russischen Krieges. Der Publizist und Philosoph richtet den Blick auf Aussagen des Moskauer Patriarchen Kyrill. Sie ließen aus seiner Sicht wenig Hoffnung auf eine baldige Abkehr vom Krieg erkennen. Stattdessen werde die Gewalt mit einer immer umfassenderen religiösen Deutung versehen.

Terlikowski beginnt mit einem kürzlich veröffentlichten Buch des Patriarchen. Schon dessen Titel kündige an, hinter die sichtbaren Ursachen und Folgen des Krieges blicken zu wollen. Was dort folge, sei jedoch vor allem eine Rechtfertigung des russischen Angriffs. Kyrill deute den Krieg gegen die Ukraine als Kampf gegen den Satan. Kiew verkörpere das Schlechteste des Westens, die NATO erscheine als eigentlicher Angreifer. Russische Männer würden zum Kampf aufgerufen; wer dabei falle, gelange unmittelbar in den Himmel. Mit gegenwärtiger christlicher Theologie habe das wenig gemein, urteilt Terlikowski.

Besonders deutlich werde die Umdeutung religiöser Tradition an einer Predigt in Sarow. Dort habe einer der bedeutendsten Heiligen der russischen Orthodoxie gewirkt: Seraphim von Sarow. Für westliche Leser vergleicht Terlikowski ihn mit Franz von Assisi. Seraphim habe als Einsiedler gelebt, sich mit Tieren angefreundet und Menschen empfangen. Im Mittelpunkt seiner Lehre habe die Verwandlung des Menschen durch das göttliche Licht gestanden.

Terlikowski: Broń jądrowa jako dar od Boga. Rosyjska metafizyka wojny. Więcej: wyborcza.pl/7,75968,3299...

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— Gazeta Wyborcza (@wyborcza.pl) September 2, 2026 at 9:15 AM

Ausgerechnet diesen Heiligen mache Kyrill nun zum Schutzpatron der Atombombe. Die sowjetische Kernwaffenentwicklung in Sarow sei in der Darstellung des Patriarchen kein Zufall gewesen. Durch die Arbeit von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Arbeitern hätten sich Gottes Gnade und Barmherzigkeit gegenüber Russland gezeigt. Auch die Gebete Seraphims hätten dazu beigetragen, dass das Land vor Vernichtung bewahrt worden sei.

Terlikowski hält dem entgegen: Atomwaffen könnten nicht nur den Westen, sondern ebenso Russland und schließlich alles Leben bedrohen. Gerade diese Gefahr scheine Kyrills Deutung jedoch nicht zu erschüttern. Der Patriarch ordne den Krieg vielmehr in Vorstellungen vom Ende der Zeiten und der Wiederkunft Christi ein. So entstehe eine geschlossene religiöse Erzählung, die mit der Friedensbotschaft des Evangeliums wenig verbinde, sich aber zur Rechtfertigung des Krieges eigne.

Die Frage, die sich daher stelle, so Terlikowski, sei, ob diese Sprache auch einer möglichen atomaren Eskalation den Weg bereiten könne. Er verbindet die Aussagen mit Spekulationen über eine hybride Form des Einsatzes, deren Urheberschaft schwerer nachzuweisen wäre.

Christliche Kirchen, so der Autor weiter, hätten selbst eine lange Geschichte der Kriegslegitimation. Päpste hätten zu Kreuzzügen aufgerufen; Geistliche verschiedener Konfessionen hätten Soldaten angeworben und Gewalt gerechtfertigt. Die beiden Weltkriege und die Entwicklung der Atombombe hätten diese Sicht jedoch grundlegend verändert. Terlikowski erinnert an die Warnungen Johannes’ XXIII. und an Papst Franziskus, der in Hiroshima sowohl den Einsatz als auch den Besitz von Atomwaffen als unmoralisch bezeichnet habe.

Kyrill kehre dagegen zu besonders problematischen Teilen dieses Erbes zurück. Terlikowski sieht dahinter zunächst das Bedürfnis des Kremls, seine Politik religiös abzusichern. Er warnt aber auch vor einer breiteren Strömung, die ein vermeintlich männlicheres, kämpferisches Christentum wiederbeleben wolle.

Die Konsequenz müsse nach Ansicht des Autors eine klare gemeinsame Antwort der Kirchen sein. Der Ökumenische Rat der Kirchen solle die Mitgliedschaft der russisch-orthodoxen Kirche aussetzen, der Vatikan seine Gespräche mit Kyrill einstellen. Beide hielten jedoch am Dialog fest, auch um verbleibende Einflussmöglichkeiten nicht zu verlieren. Gerade darin liege für Terlikowski das Problem: Ohne deutliche Konsequenzen werde die christliche Friedenstheologie selbst an Glaubwürdigkeit verlieren, so Tomasz Terlikowski in der Gazeta Wyborcza.

GAZETA WYBORCZA: Was Kinder von Orcas lernen sollen

Wie die russische Bevölkerung schon im Kindesalter auf den Krieg eingestimmt werde, beschreibt Wacław Radziwinowicz ebenfalls in der Gazeta Wyborcza. Zum neuen Schuljahr werde es mehr Unterricht über Krieg und Patriotismus geben, dafür weniger Fremdsprachen und Gesellschaftskunde. Den passenden Anschauungsunterricht habe Wladimir Putin den Lehrkräften gleich selbst geliefert.

Bei einem Treffen mit Pädagogen habe einer der Teilnehmer erzählt, in der Arktis Eisbären gesehen zu haben. Putin sei daraufhin auf Orcas zu sprechen gekommen. Die lebten dort ganz in der Nähe und würden die Bären wie kleine Fische fressen. Im Rudel stürzten sie sich auf ihre Beute und rissen sie auf Eisschollen auseinander. So funktioniere eben die Nahrungskette, habe der Präsident erklärt. Davon müsse man den Kindern erzählen, damit sie verstünden, in welcher Welt sie lebten und weshalb Russland seine sogenannte militärische Spezialoperation führe.

Nur stimme diese Geschichte nicht, schreibt Radziwinowicz unter Berufung auf die Umweltorganisation Kedr. Die geschilderten blutigen Szenen gebe es in dieser Form in KI-generierten Videos. Für die Lehrer entstehe daraus eine heikle Aufgabe, spottet der Korrespondent: Sie müssten Putins Raubtiere mit dem Verhalten seiner Soldaten in der Ukraine in Verbindung bringen – und dabei eine Erklärung finden, die ihnen selbst keinen Ärger einbringe.

Die Geschichte stehe am Beginn eines Schuljahres, in dem der ideologische Unterricht weiter ausgebaut werde. Jeder Montag solle mit Nationalhymne und feierlichem Appell beginnen. Anschließend seien die sogenannten Gespräche über Wichtiges verpflichtend. Auf diese Weise würden staatliche Botschaften zu einem festen Bestandteil des Schulalltags.

Auch die Gewichtung der Fächer verändere sich. Unterricht über die Gegenwartsgesellschaft werde auf die Klassen neun bis elf beschränkt. Jüngere Schüler erhielten stattdessen mehr Geschichte. Dafür gebe es einheitliche Lehrbücher von Wladimir Medinski und Anatoli Torkunow. Medinski, früher Kulturminister und heute ein Helfer Putins, beschreibt Radziwinowicz als Verteidiger historischer Mythen: Als wahr gelte, was Russland und seinem Ansehen nütze. Was diesem Bild widerspreche, werde zur Lüge erklärt. Als Beispiel nennt der Autor die Leugnung einer gemeinsamen Siegesparade von Wehrmacht und Roter Armee in Brest nach der Zerschlagung Polens 1939.

Hinzu kämen Besuche von Kriegsteilnehmern. Die Schüler sollten deren Geschichten aufschreiben und daraus Alben gestalten. Gleichzeitig werde der Fremdsprachenunterricht zwischen der fünften und neunten Klasse um insgesamt 102 Stunden gekürzt. Die Behörden begründeten dies mit Entlastung. Platz finde sich allerdings für ein neues Fach über die geistig-moralische Kultur Russlands. Dessen Abkürzung DNKR erinnere an das russische Kürzel DNK für DNA, bemerkt Radziwinowicz. Was die Führung für richtig halte, solle offenbar bis in die Erbanlagen der Kinder hineinreichen.

Noch unmittelbarer werde die Vorbereitung im Sicherheitsunterricht. Das frühere Fach über die Grundlagen sicherer Lebensführung sei bereits vor zwei Jahren in ein Fach über Sicherheit und die Verteidigung des Vaterlandes umgewandelt worden. Bislang sei jede fünfte Stunde militärischen Inhalten gewidmet gewesen. Nun solle es jede zweite sein. Zum Zusammenbauen und Zerlegen von Sturmgewehren, auch mit verbundenen Augen, kämen die Bedienung von Kampfdrohnen und Übungen im Gelände.

Am Ende kehrt Radziwinowicz zu Putins Tiergeschichte zurück. Worauf diese Schule die Kinder vorbereite, sei damit noch immer nicht eindeutig: auf die Verteidigung des Bären, des russischen Nationalsymbols – oder darauf, selbst zu Orcas zu werden.

INTERIA: Europas Magnet verliert seine Kraft

Bei Interia deutet Jarosław Kuisz Islands Absage an neue EU-Beitrittsgespräche als Warnsignal. 52,8 Prozent hätten im Referendum dagegen gestimmt. Damit sei die Hoffnung gescheitert, ein wohlhabender neuer Mitgliedstaat könne der europäischen Erweiterung Schwung geben und die Anziehungskraft der Union bestätigen.

Kuisz widerspricht der beruhigenden Lesart, lediglich der bisherige Zustand bleibe bestehen oder einzelne Interessen wie die Fischerei hätten entschieden. Das Problem reiche tiefer: Viele Bürger wohlhabender europäischer Länder sähen für sich keinen unmittelbaren Nutzen weiterer Integration. Sie erwarteten konkrete Fürsorge. Nationalpopulisten verstünden es, diese Stimmung aufzugreifen.

Dem stellt der Autor die wachsende Anziehungskraft des von China geprägten Forums rund um die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit gegenüber. Dort näherten sich auch Staaten an, deren Interessen erheblich auseinanderlägen. Trumps Politik habe Freunde und Gegner verärgert und diese Entwicklung begünstigt.

Entscheidend sei für Kuisz deshalb nicht, ob dieses Forum institutionell geschlossen oder widerspruchsfrei auftrete. Ein gemeinsamer Gegner könne genügen, um Zusammenhalt vorzuführen und die bestehende Weltordnung herauszufordern. Währenddessen lasse Europas Magnetwirkung nach. Gerade deshalb dürfe die EU das isländische Votum nicht als belanglosen Rückschlag abtun, warnt Kuisz.

Autor: Adam de Nisau


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