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„Trotz anhaltender Konflikte kommt Polens Politik nicht voran"

21.09.2026 13:50
Seit zwanzig Jahren tritt die polnische Politik praktisch auf der Stelle. Immer heftigere Konflikte zerreißen sie von innen. Doch sie führen zu nichts. Junge Polen wissen nicht einmal, warum sie in einer derart festgefahrenen politischen Welt leben. Wer wird wann und unter dem Druck welcher Ereignisse schließlich die Regeln dieser Wirklichkeit infrage stellen und eine neue schaffen? Die Ratingagentur Moody’s hat erstmals in ihrer Geschichte das Rating Polens herabgestuft. Die polnische Regierung steht vor einer schwierigen Lage. Die Staatsfinanzen lassen sich verbessern, indem die Ausgaben gesenkt, die Steuern erhöht oder beide Maßnahmen ergriffen werden. Und: Moskau verstärkt seine Angriffe auf Europa. Doch die Präsidentin der Europäischen Kommission beschäftigt sich damit, Donald Trump zu verärgern, statt endlich die Vergabe von Schengen-Visa an Russen einzustellen. Mehr dazu  in der Presseschau.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten prgen Donald Tusk und Jarosław Kaczyński das politische Gesicht Polens. Ihre prgende Zeit waren die Ereignisse vor vierzig Jahren, schreibt die Rzeczpospolita.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten prägen Donald Tusk und Jarosław Kaczyński das politische Gesicht Polens. Ihre prägende Zeit waren die Ereignisse vor vierzig Jahren, schreibt die Rzeczpospolita.brewczynskinatanael / Shutterstock.com & PAP/Rafał Guz

RZECZPOSPOLITA: Trotz anhaltender Konflikte kommt Polens Politik nicht voran

Die polnische Politik zeichne sich durch eine erstaunliche Besonderheit aus. Sie sei geprägt von einem außergewöhnlichen Maß an Emotionen und rhetorischer Übertreibung, schreibt der Publizist Marek A. Cichocki in der konservativ-liberalen Rzeczpospolita. Ihre Dynamik, so der Autor, sei von dramatischen Konflikten und Skandalen bestimmt. Neue politische Kräfte und Führungspersönlichkeiten entstünden und weckten große Hoffnungen, nur um kurz darauf von der politischen Bühne zu verschwinden und in Vergessenheit zu geraten. Eigentlich sei es schwer, mit ihr Schritt zu halten. Zugleich trete sie seit zwanzig Jahren praktisch auf der Stelle. Immer heftigere Konflikte würden sie von innen zerreißen. Doch diese führten zu nichts.

Ein politisches System, lesen wir weiter, solle aber eine Verbindung aus Kontinuität und Wandel sein. Im polnischen Fall sei der Wandel zu einer Art dramatischem Schauspiel geworden. Es werde inszeniert, um die vorherrschende Kontinuität der bestehenden Kräfteverhältnisse zu verdecken. Dieser Zustand habe laut Cichocki eine personelle und eine historische Dimension.

Auf personeller Ebene seien die Polen in einer einzigen Generation gefangen. Alles drehe sich um Menschen aus den 1970er-Jahren. Für sie seien die Solidarność-Bewegung und das 1981 verhängte Kriegsrecht die entscheidenden politischen Ereignisse gewesen. Damals seien Überzeugungen, Haltungen, Kontakte und Bündnisse entstanden, aber auch Spaltungen und sogar persönliche Feindschaften. Diese würden bis heute Gestalt und Inhalt der polnischen Politik bestimmen. Seit mehr als zwei Jahrzehnten prägen Regierungschef Donald Tusk und PiS-Chef Jarosław Kaczyński das politische Gesicht Polens. Ihre formative Zeit seien die Ereignisse vor vierzig Jahren gewesen.

Ohne das Bewusstsein für diese Wurzeln lasse sich der Charakter der heutigen polnischen Politik nicht verstehen, fährt der Autor fort. Das gelte für ihre Emotionen und ihre Polarisierung, zugleich aber auch für ihr Verharren am selben Punkt. In gewisser Hinsicht sei die Solidarność-Bewegung tatsächlich das Fundament des heutigen Polens. Allerdings nicht so, wie man es sich einst erträumt habe. Aus ihrem früheren Versprechen von Einheit und Gemeinschaft sei der heutige unerbittliche „politische Bürgerkrieg“ hervorgegangen. Jede Seite verspreche ihren Anhängern die endgültige Abrechnung mit den politischen Gegnern und deren Ausschaltung.

Das Erstaunliche: Keine der nachfolgenden Generationen seit 1989 habe es bis heute gewagt, diese politische Kontinuität infrage zu stellen und zu durchbrechen. Mehr noch: Die eigentlichen Ursprünge dieser Kontinuität seien in Vergessenheit geraten oder völlig verdreht worden. Die Folge: Junge Polen wüssten heute nicht einmal, warum sie in einer derart erstarrten politischen Welt lebten. Wer werde wann und unter dem Druck welcher Ereignisse die Regeln dieser Welt schließlich infrage stellen und eine neue schaffen, fragt der Autor zum Abschluss.

MONEY.PL: Polens Rating im Sturzflug

Die Ratingagentur Moody’s habe die Geduld verloren, schreibt der Analyst Piotr Kuczyński im Wirtschaftsportal Money.pl. Erstmals in ihrer Geschichte hat die Agentur das Kreditrating Polens herabgestuft. Das langfristige Rating wurde um eine Stufe von A2 auf A3 gesenkt. Zugleich änderte die Agentur den Ausblick von negativ auf stabil. Als Hauptgründe nennen die Analysten von Moody’s anhaltend hohe Defizite, den Anstieg der Verschuldung und der Kosten für den Schuldendienst sowie eine nachlassende Wirksamkeit der Haushaltspolitik der Regierung.

Das Problem sei jetzt, dass die polnische Regierung gewissermaßen in der Zwickmühle stecke. Die Lage der Staatsfinanzen lasse sich verbessern, indem die Ausgaben gesenkt, die Steuern erhöht oder beide Maßnahmen ergriffen würden, so Kuczyński. Die Regierung könne die Ausgaben jedoch nicht kürzen. Einschnitte bei den Sozialleistungen würden bei der Parlamentswahl 2027 mit dem Machtverlust enden.

Kuczyński habe allerdings nur sehr begrenztes Vertrauen in Ratingagenturen. Er erinnert daran, wie sie einst gebündelte US-Subprime-Hypothekenkredite bewertet hätten. Diese hätten die höchste Bonitätsnote erhalten. Das Ergebnis: Die Welt sei von 2007 bis 2009 in einer globalen Finanzkrise versunken. Seitdem betrachte er die Bewertungen der Ratingagenturen mit großer Skepsis. Ein Blick in die Geschichte lohne sich.

Die entscheidende Frage laute jedoch, ob Moody’s recht habe. Lese man die Begründung für die Entscheidung, könne man die Einschätzung der Agentur nur schwer infrage stellen. Allein der Schuldendienst werde 2027 mehr als 107 Milliarden Złoty kosten. Das entspreche fast drei Prozent des BIP und rund zwei Dritteln der geplanten Verteidigungsausgaben Polens.

Aus dem „Ökonomischen“ in Klartext übersetzt: Polen verzeichne ein rasches Wirtschaftswachstum. Statt jedoch für einen künftigen Abschwung vorzusorgen, lege die Regierung bei den Ausgaben noch einmal nach. Der Agentur zufolge werde die Verschuldung Polens 2027 fast 70 Prozent des BIP erreichen. Könne man an dieser Argumentation etwas aussetzen? Eindeutig nicht, lesen wir. Kürzungen bei den Verteidigungsausgaben? Der Autor würde dem gerne zustimmen. Angesichts der, wie er schreibt, „nahezu hysterischen“ Debatte über die russische Bedrohung könne die Regierung jedoch auch hier nicht kürzen. Werde die Herabstufung Polen schaden? Politisch sicherlich. Die eine Seite werde sagen: „Tusk ist schuld“, die andere werde Präsident Karol Nawrocki die Schuld geben. Ein solcher politischer Schlagabtausch werde Polen immer schaden, schreibt Piotr Kuczyński auf Money.pl.

WPROST: Sucht von der Leyen eine Alternative zur NATO?

Moskau verstärke seine Angriffe auf Europa, doch die Präsidentin der Europäischen Kommission sei damit beschäftigt, Donald Trump zu verärgern, schreibt Jakub Mielnik, Leiter der Auslandsredaktion des konservativen Wochenmagazins Wprost. Ob es einem gefalle oder nicht: Die Wirksamkeit der NATO und die Sicherheit der EU hingen von Trump ab. Frei nach Talleyrand sei das Vorgehen der Kommissionschefin unter den derzeitigen Bedingungen deshalb schlimmer als töricht, nämlich ein Fehler.

Der Enthusiasmus, mit dem Ursula von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Union am 16. September in Straßburg eine Partnerschaft zwischen Kanada und der EU angekündigt habe, zeige nach Ansicht des Autors ihre völlige Fehleinschätzung der Lage. Zugleich schlage sie einen Europäischen Sicherheitsrat vor, den Mielnik als Alternative zur NATO deutet. Diesem sollten Großbritannien, Kanada und die Ukraine angehören. Währenddessen beschieße Russland immer dreister die Grenzgebiete der Ukraine zu Polen, lasse Drohnen über Litauen und Dänemark fliegen und blockiere strategisch wichtige Bahnverbindungen in den Niederlanden. Diese seien für die Ostflanke der NATO von großer Bedeutung. Und das seien nur die jüngsten Vorfälle. Die Kommissionschefin freue sich unterdessen darüber, Donald Trump das Leben schwer zu machen, heißt es. Von dessen wechselhaften Launen hänge jedoch ab, wie wirksam die Beistandspflicht der NATO im Falle eines Konflikts mit Russland tatsächlich wäre, lesen wir.

Welchen anderen Sinn, außer den „aufgeblasenen“ US-Präsidenten in Wut zu versetzen, habe es unter diesen Bedingungen, eine Partnerschaft Kanadas mit der EU anzukündigen? Schließlich würde Trump Kanada am liebsten den Vereinigten Staaten einverleiben. Und bedeute der Vorschlag, einen Europäischen Sicherheitsrat ohne die USA zu schaffen, dass die NATO überflüssig geworden sei, fragt der Autor.

Habe von der Leyen wirklich keine wichtigeren Aufgaben? Könne sie sich nicht etwa dafür einsetzen, die Vergabe von Schengen-Visa an Russen zu stoppen? Dann hätten die russischen Geheimdienste nicht mehr freie Hand für groß angelegte Spionage-, Sabotage- und Diversionsakte praktisch im gesamten Gebiet der EU, lautet Mielniks Schlussfolgerung in Wprost.

Autor: Piotr Siemiński

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