Die Jugend von Ingeborg Bachmann wurde vom Schrecken des Nationalsozialismus überzogen. Diese Erfahrung prägte ihre Sprache, ihre Gedanken, ihr ganzes Werk. Durch die aufsehenerregenden Auftritte bei der Gruppe 47 wurde sie über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt und zunächst vor allem als Lyrikerin wahrgenommen. Sie war aber ebenso eine vortreffliche Romanautorin, die das Erzählen stets als Mittel zur Selbstfindung nutzte.
In ihre Prosatexte sind vielfältige Erfahrungen autobiographischer Art eingegangen, ebenfalls die einer gescheiterten Liebesbeziehung zu dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Doch ihre Sprachkunst (etwa im Roman „Malina“) übersteigt solche lebensgeschichtlichen Anlässe bei weitem. Das „Voran-Tasten“ zur eigenen Geschichte, die suchenden Bewegungsformen, sind nicht etwa dogmatisch, sondern bleiben offen für die Erfahrungsräume der Leser.
Foto_2: Der Ingeborg-Bachmann-Preis gilt als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschen Sprachraum. (Wikimedia Commons)
Literarisch unverarbeitet blieb hingegen die letzte Auslandsreise kurz vor ihrem tragischen und viel zu frühen Tod: Im Mai 1973 folgte Ingeborg Bachmann einer Einladung des österreichischen Kulturinstituts Warschau zu einer einwöchigen Lesetour durch Polen. Diese Reise stand in einem schmerzvollen Kontrast zu der eigenen Biografie: Die Tochter eines Nationalsozialisten besuchte u.a. das ehemalige deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Über eine Lesereise, die tiefe Spuren hinterließ, berichtet Wojciech Osiński.