Deutsche Redaktion

Prorussische Gruppierung: Braucht Polen eine Brandmauer gegen Braun?

11.02.2026 13:36
Deutschland diskutiert seit Jahren über den Umgang mit der AfD und eine „Brandmauer" gegen die Partei. Nun steht Polen vor einem ähnlichen Problem: Soll die offen prorussische Konfederacja Korony Polskiej von Grzegorz Braun politisch isoliert werden? Außerdem: Der jüngste Spionageskandal im Verteidigungsministerium offenbart gravierende Sicherheitslücken in der gesamten Regierungsverwaltung. Warum die Münchner Sicherheitskonferenz für Polens Verteidigung wichtiger sein könnte als die Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats in Warschau. Und: Die Amerikaner verlieren bei den Polen rapide an Sympathie. Mehr dazu in der Presseschau.
Senatorowie PiS chcą paktu senackiego z Konfederacjami
Senatorowie PiS chcą paktu senackiego z KonfederacjamiWojciech Olkusnik/East News

RZECZPOSPOLITA: Braucht Polen eine „Brandmauer" gegen Brauns Prorussen?

Die konservativ-liberale Rzeczpospolita wirft eine Frage auf, die deutschen Lesern bekannt vorkommen dürfte. Michał Szułdrzyński fragt in seinem Kommentar, ob es an der Zeit sei, einen „Sanitärkordon" - also eine politische Brandmauer - um die Konföderation der Krone Polens (KKP) von Grzegorz Braun zu errichten.

Anlass für die Stellungnahme ist die Einladung des KKP-Abgeordneten Włodzimierz Skalik zur Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats (Rada Bezpieczeństwa Narodowego, RBN), die Präsident Karol Nawrocki für Mittwoch einberufen hat.

Die Partei Brauns, erinnert der Publizist, erreiche inzwischen rund zehn Prozent in den Umfragen und könnte somit künftig Teil einer Regierungskoalition werden. Das Problem seiner Anhänger seien nicht bloß „falsche Ansichten", sondern dass diese auf „vollkommen falschen Thesen" beruhten - etwa der Behauptung, Polens EU-Mitgliedschaft sei mit dem Konzentrationslager Auschwitz vergleichbar. Eine Brandmauer hätte Vor- und Nachteile, so Szułdrzyński: Einerseits würde eine Isolierung Brauns ihn in den Augen seiner Anti-Establishment-Wähler zum Märtyrer machen. Andererseits würde die politische Klasse ein klares Signal senden, dass Brauns Positionen „auf Falschaussagen beruhen, mit der russischen Propagandanarration übereinstimmen und eine Bedrohung für die Sicherheit des Staates darstellen".

Der Präsidentenpalast, lesen wir weiter, sende vor der Sitzung des Sicherheitsrats indes widersprüchliche Signale: Präsident Nawrocki wolle auf der RBN-Sitzung über angebliche geheime Russland-Kontakte des Sejm-Marschalls Włodzimierz Czarzasty sprechen -- und lade gleichzeitig einen offen prorussischen Abgeordneten dazu ein. Nawrocki wisse genau, dass er seine Präsidentschaft den Wählern beider Konfederacja-Flügel verdanke. Deshalb sei kaum zu erwarten, dass er zur Isolierung der prorussischen Politiker aufrufen werde, so Szułdrzyński in der Rzeczpospolita.

DZIENNIK/GAZETA PRAWNA: Spione können überall sein -- und niemand prüft nach

Doch die Gefahr geht nicht nur von offen prorussischen Aktivisten aus. Das Wirtschaftsblatt Dziennik/Gazeta Prawna schreibt in seinem heutigen Aufmacher von alarmierenden Sicherheitslücken in der polnischen Regierungsverwaltung. Der jüngste Spionageskandal im Verteidigungsministerium, bei dem ein langjähriger ziviler Mitarbeiter des Ressorts aufgeflogen sei, sei möglicherweise nur „die Spitze des Eisbergs", schreibt Artur Radwan.

Während Bewerber für den Inlandsgeheimdienst ABW oder den Militärischen Abschirmdienst SKW gründlich überprüft würden, so Radwan, gelangten in die Kanzlei des Premierministers und in die Ministerien Personen über reguläre Ausschreibungen - ohne Sicherheitsüberprüfung. Laut Recherchen des Blattes verfüge ein erheblicher Teil der rund 3.500 Direktoren in der gesamten Regierungsverwaltung über keine Sicherheitsfreigabe (klauzula bezpieczeństwa). Und wer eine besitze, habe meist nur die niedrigste Stufe für als „Verschlusssache" eingestufte Dokumente.

Die Beamten scheuten die Überprüfung auch aus praktischen Gründen: Wer Zugang zu vertraulichen Dokumenten habe, müsse persönlich in die Geheimkanzlei gehen und an einem speziellen Computer ohne Internetverbindung arbeiten -- zusätzliche Arbeit, die Kollegen ohne Freigabe erspart bleibe, erklärt ein Ministeriumsmitarbeiter.

Gewerkschaftsvertreter schlagen Alarm: Größere Gefahren als von Beamten mit Dokumentenzugang gingen möglicherweise von Reinigungsfirmen aus, in denen häufig Ausländer beschäftigten seien und die auch in Ministeriumsbüros die Papierkörbe leerten. Robert Barabasz von der Gewerkschaft Solidarność bringt es auf den Punkt: „Der Schutz der Regierungsverwaltung vor Spionen ist löchrig wie ein Schweizer Käse". Er fordert eine vereinfachte Sicherheitsüberprüfung für jeden, der in der Verwaltung arbeiten will -- insbesondere für Führungskräfte, so Dziennik/Gazeta Prawna.

RZECZPOSPOLITA: München wichtiger als Warschau

Die am Freitag beginnende Münchner Sicherheitskonferenz werde für Polens Verteidigung weitaus bedeutsamer sein als die Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats am Mittwoch in Warschau. In München fielen bisweilen „bahnbrechende Erklärungen", die den Kurs der Weltpolitik vorzeichneten, schreibt Maciej Miłosz in seiner Einschätzung für die Rzeczpospolita.

Miłosz erinnert an Wladimir Putins Rede von 2007, in der dieser die NATO-Erweiterung als „ernsthaften Provokationsfaktor" bezeichnet habe - ein Vorspiel zur Invasion Georgiens 2008, der illegalen Annexion der Krim 2014 und dem Großangriff auf die Ukraine 2022. Ebenso habe US-Vizepräsident J.D. Vance vor einem Jahr in München erklärt, die Bedrohung für Europa komme „nicht von Russland oder China", sondern von innen - und anschließend die radikal rechte Alternative für Deutschland beworben. Dies sei ein Vorbote des politischen Kurswechsels der USA gewesen, der sich inzwischen in der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie und in den „Kommentaren und Drohungen" des US-Botschafters Thomas Rose in Warschau manifestiere.

Die entscheidenden Fragen vor der diesjährigen Konferenz: Wie verlässlich seien die USA angesichts der Unberechenbarkeit von Präsident Donald Trump? Wie stark würden die Amerikaner ihre Militärpräsenz in Europa reduzieren? Und falls die USA sich tatsächlich radikal aus Europa zurückzögen - „wie ordnen wir die Beziehungen zwischen den Schlüsselstaaten Westeuropas neu, und werden wieder die Deutschen zum Hegemon?" Die drei Themen der Warschauer RBN-Sitzung - EU-Rüstungskredite aus dem SAFE-Programm, Polens Einladung in den „Friedensrat" und die Russland-Kontakte des Sejm-Marschalls - seien demgegenüber geradezu nebensächlich. „Glücklich das Land, das sich bei einem so wichtigen Treffen der wichtigsten Politiker mit so unwichtigen Fragen befassen kann. Aber ich bin nicht überzeugt, ob es auch ein sicheres Land ist", so Miłosz in der Rzeczpospolita.

GAZETA WYBORCZA: Die Amerikaner verlieren dramatisch an Sympathie

Passend zur Diagnose von Miłosz präsentiert die linksliberale Gazeta Wyborcza die Ergebnisse der jährlichen CBOS-Umfrage zum Verhältnis der Polen zu anderen Nationen. Der größte Verlierer: Amerika. Die Sympathie für die Vereinigten Staaten sei um elf Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr und um 21 Punkte im Vergleich zu 2023 gesunken; nur noch 47 Prozent der Befragten äußerten sich positiv über die Amerikaner. Damit hätten die langjährigen Spitzenreiter des Rankings ihren Platz an die Italiener (58 Prozent), Tschechen (55 Prozent) und Slowaken (52 Prozent) abgegeben.

Die Polen hätten in den vergangenen Monaten erstmals eine „unfreundliche, anmaßende Seite Amerikas" erlebt, erklärt den Trend der Soziologe Prof. Mikołaj Pawlak von der Universität Warschau. Hauptsächlich durch das Prisma von Präsident Trump und des Trumpismus habe Polen begonnen, „von Amerika direkt von oben herab behandelt zu werden, als Land, das ihm untergeordnet sein sollte". Die Erfahrung, die das trumpistische Establishment mit seinen Vorschlägen zu Gewaltlösungen Europa aufzwinge, sei für viele Polen ein Schock - während sie für Länder Lateinamerikas etwa seit langem Alltag sei.

„Wir waren in die Amerikaner vernarrt, als sie uns auf Augenhöhe behandelten", so der Soziologe. „Es ist anders, wenn unser Schirmherr begonnen hat, uns zu demütigen, wenn Amerika in Person von Donald Trump im Sessel sitzt und vor sich knien lässt." Ob sich der Sympathieverlust verstetigen werde? Pawlak vermutet einerseits eine Rückkehr zum Ausgangspunkt nach einem weniger „unkonventionellen" Präsidenten. Andererseits werde die polnische Gesellschaft den westeuropäischen Gesellschaften immer ähnlicher - und damit möglicherweise auch skeptischer gegenüber den USA.

Auch die übrigen Ergebnisse der Umfrage geben zu denken: Die Abneigung gegen Ukrainer wachse weiter -- inzwischen äußerten sich 43 Prozent negativ, nur 29 Prozent positiv. Pawlak sieht die Ursache in einem Zusammenspiel politischer Instrumentalisierung und russischer Desinformation. Polnische Politiker hätten sich im Präsidentschaftswahlkampf regelrecht darin überboten, wer antiukrainischer auftrete. Und die Abneigung gegenüber Juden sei gestiegen, während die Sympathie für Palästinenser zunehme -- ein Effekt der Wahrnehmung der Lage im Gazastreifen, so die Gazeta Wyborcza zu den Ergebnissen der neuesten CBOS-Umfrage zum Verhältnis der Polen zu anderen Nationen.

Autor: Adam de Nisau

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